Wer arbeitet soll auch Beisser haben

Einkommen ohne Auskommen. Prekäre Jobs, Armutsunternehmer, geringfügig und gar nicht Beschäftigte im Land der Hochkonjunktur. „Working Poor“ in Österreich. Text: Martin Schenk


Wer arbeitet soll Beiser haben
Bild: fotolia.com “
Es herrscht Hochkonjunktur. Alles ist gut. Es gibt übers Jahr gerechnet 240.000 Erwerbslose. Im letzten Hochkonjunkturjahr 2000 waren es 190.000. Alles scheint gut. Jedes Konjunkturtal lässt einen höheren Sockel an Erwerbslosen zurück. Die Betroffenen pendeln zwischen prekären, schlecht bezahlten Jobs und Arbeitslosigkeit. Sie erzählen von einem Alltag, der in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht ist.



„Über eine Leasingfirma musste ich – vom Arbeitsamt vermittelt – in einem Produktionsbetrieb anfangen. Von sechs Uhr früh bis drei Uhr Akkordarbeit. In der zweiten Woche hat man mich und KollegInnen gedrängt, jeweils am Mittwoch, Donnerstag und Freitag schon um vier Uhr früh anzufangen. Ich bin der Ausorderung natürlich nachgekommen, ich wollte ja unbedingt die zugesagte feste Anstellung. In zehn Stunden habe ich 15.000 Pickerl geklebt. Während ich mich bereits auf das Wochenende freute, kam kurz vor Mittag die Vorgesetzte und teilte mir mit, ich sei gekündigt. Einfach so. Ohne Grund.“ Gründe braucht es keine in einer Leihfirma oder im Probemonat.

Arbeit schützt vor Armut nicht Schon jetzt leben 253.000 Menschen in Österreich in Haushalten, in denen der Verdienst trotz Erwerbsarbeit nicht ausreicht, um die eigene Existenz – und die der Kinder – zu sichern. Davon sind 91.000 manifest arm: Die Betroffenen weisen einen schlechten Gesundheitszustand auf, leben in feuchten, schimmligen Wohnungen, können ihren Kindern nur eingeschränkte Zukunftschancen bieten. Von den prekär Beschäftigten mit „befristetem Vertrag” sind elf Prozent armutsgefährdet, von „unregelmäßig Beschäftigten” 17 Prozent, von Personen mit „Teilzeit weniger als zwölf Stunden” sind es 20 Prozent. Und bei Menschen mit „35 Wochenarbeitsstunden für weniger als 1.000 Euro brutto” sind 23 Prozent armutsgefährdet. Die Richtsatzergänzungen in der Sozialhilfe, das sind jene Leistungen, die auch bei zu geringem Erwerbseinkommen ausbezahlt werden, haben in den letzten Jahren rasant zugenommen.

Teilzeit als Belastung Für die einen – z.B. Neue Selbständige im Bereich der Neuen Medien – bedeuten prekäre Jobs eine Vergrößerung ihres persönlichen Handlungsspielraums, freie Zeiteinteilung und individuell bestimmtes Handeln. Für andere – die Supermarkt- Kassiererin als Teilzeitkraft oder den „selbständigen“ Spachtler im Baugewerbe – eine unfreiwillige Beschränkung. Fast die Hälfte der geringfügig Beschäftigten sucht nach Alternativen in Form einer regulären Vollzeitbeschäftigung, Teilzeitbeschäftigung oder einer echten selbständigen Tätigkeit.Für zwei von drei Prekären sind Teilzeit, Projektarbeit, freie Dienstverträge kein Problem, für das restliche Drittel dafür ein umso größeres. Aber auch bei der eher positiv bewerteten Teilzeit dreht sich das Bild. Immer mehr Frauen arbeiten Teilzeit, doch immer weniger sind damit zufrieden. Während im Jahr 2000 noch 61 Prozent der Teilzeitkräe mit ihrer Arbeitszeit „sehr zufrieden” waren, so sind Ende 2007 noch 45 Prozent dieser Ansicht. Sie bewerten Einkommen, Sozialleistungen und Arbeitszeiten als negativ

Populäre Mythen Problematisch daran ist, dass die meisten aus dieser Situation nicht mehr herauskommen, urteilt das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO in einer jüngsten Untersuchung. Nur ein Viertel der geringfügig Beschäftigten könne nach zwei Jahren in ein Beschäftigungsverhältnis mit Sozialversicherung wechseln. Der Anteil der „Menschen ohne Ausweg” aus der geringfügigen Beschäftigung hat sich bereits auf 41 Prozent erhöht. Besonders Frauen haben laut Studie eine geringere Chance, aus der Geringfügigkeit heraus zu kommen. Zwei populäre Mythen haben sich in diesem Zusammenhang festgesetzt. Der erste: „Prekäre Jobs führen zu mehr Beschäigung.“ Richtig ist vielmehr: Das Beschäftigungsplus führt nicht automatisch zu mehr bezahlter Arbeit, im Gegenteil, letzteres ist Anfang 2000 sogar gesunken:

„In Vollzeitäquivalenten ging die Zahl der Arbeitsplätze zurück“, bestätigt auch Ewald Walterskirchen vom WIFO. (Unter Vollzeitäquivalent versteht man die Summe aller Teil- und Vollzeitarbeitsverhältnisse als fiktive Anzahl von Vollzeit-Jobs. Zwei Vollzeitbeschäftigte und sechs Halbzeitbeschäftigte ergeben z.B. fünf Vollzeitäquivalente.) Und der zweite Mythos: „Wer keine Bildung hat, braucht Billigjobs“. Tatsächlich ist der Niedriglohnsektor aber mehrheitlich eben nicht mit gering qualifizierten Personen besetzt: 72 Prozent der Niedriglohn-BezieherInnen verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Oder umgekehrt: nur ein knappes Drittel hat weder eine Berufsausbildung noch die Matura.

Ein niedriges Erwerbseinkommen schlägt sich in nicht-existenzsichernden Sozialleistungen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und in der Pension nieder. Wer ein Leben lang in prekären Jobs arbeitet, wird keine existenzsichernde Pension erreichen, das Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe sind so gering, dass man im Fall eines Jobverlusts davon keinen einzigen Tag überleben könnte. In Österreich sind über 100.000 Menschen nicht krankenversichert, das sind fast 2 Prozent der Wohnbevölkerung, die aufgrund ihrer prekären sozialen Lage nicht wissen, was sie mit ihren geringen Mitteln zuerst zahlen sollen: Miete, Lebensmittel oder Krankenversicherung?

„Da heißt es Zähne zusammen beißen.”, berichtet Frau L. von ihren Problemen, die Kosten von Zahnbehandlungen zu begleichen. Frau L. schlägt sich als Ich-AG und Armutsunternehmerin mit Gebrauchsgrafiken durch den Alltag. Ihr dreijähriger Sohn leidet seit seiner Geburt an schwerem Asthma. Er braucht viel Zeit. Der Lohn ihrer Arbeit ist unregelmäßig und gering. Loch auf, Loch zu. So muss sie rechnen, einmal die Miete, einmal das Heizen, einmal das Telefon. Immer gibt es eine offene Rechnung. Kaputt werden darf nichts: kein Boiler und keine Waschmaschine. Mit diesem Einkommen gibt es kein Auskommen.

Mehr Infos unter:
www.armutskonferenz.at
www.euromayday.at


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