Die Wichtigmacher
Österreich ist klein. Man kennt sich oft seit Kindertagen. So funktionieren die Netzwerke der Macht, die Österreich regieren. Von Robert Misik, Illustration: Petja Dimitrova

Einfluss nehmen statt Befehlen
In Machtnetzen gibt es auch Macht, aber in ihnen gibt es nicht das autoritäre Prinzip von Befehl und Gehorsam, sondern das des Einflusses, der stets aufs Neue geltend gemacht werden muss.
Aber wie ist das in den Netzwerken der Macht? Gewiss, in Machtnetzen wird Einfluss geltend gemacht, nicht befohlen. Man hilft einander, aber bisweilen ist die Hilfe auf Gegenseitigkeit, die hier eingefordert wird, von Erpressung nicht zu unterscheiden. Ob man das Geschehen mit dem unschönen Wort „Korruption“ charakterisieren mag, ist Geschmackssache. Und das Machtnetz hat noch eine entscheidende Eigenart: Es ist, wenn schon nicht im Verborgenen aufgespannt, so doch von einer informellen Undurchsichtigkeit.

Andreas Treichl ©Erste Bank
Intakte Seilschaften
Christian Konrad, Hans Dichand, Ludwig Scharinger, Andreas Treichl, Christoph Leitl – fünf Männer führen die Liste der „100 Mächtigsten in der Wirtschaft“ an, die das Wirtschafsmagazin „trend“ in seiner Juli-Ausgabe veröffentlicht. Erstellt hat die „Netzwerkanalyse“ das Wiener FAS-Institut. Auffällig: vier ÖVP-Leute unter den Top-Fünf, dazu der greise Chef des mächtigen Revolverblattes. Mit Konrad und Scharinger sind zwei Raiffeisenleute an der Spitze.

Ludwig Scharinger ©RZB
Dennoch ist Österreich, verglichen etwa mit den USA oder Deutschland, korporatistisch eher verknöchert: Die Seilschaften sind hier traditionell, die Lager klar, die Grenzen undurchlässig.
Nicht unwichtig bei all dem: Österreich ist klein. Innerhalb der verschiedenen Milieus kennt man sich daher oft schon von Kindesbeinen an und man verliert sich auch kaum aus den Augen, was etwa in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland schon sehr schwierig ist, wo praktisch jeder, der über eine höhere Bildung verfügt, in einer anderen Stadt studiert, als jener, in der er aufgewachsen ist und später dann in wieder einer anderen Stadt arbeitet.
Lobbyisten werden wichtiger
Vor allem die ÖVP ist, schon aufgrund ihrer organisatorischen Struktur, mehr ein Lobbyunternehmen als eine politische Organisation. Wirtschaftsbund und Bauernbund haben die Partei fest in der Hand, dazu hat noch der ÖAAB, der schwarze Arbeitnehmerbund, die Finger im Spiel. Die Raiffeisenorganisation, eine Krake, die über ihre Landwirtschaftsgenossenschaften den ländlichen Raum organisiert und über ihre Banken auch in der gehobenen bürgerlichen Welt großen Einfluss hat, ist in diesem Konglomerat der wichtigste Player. Sie bestimmt entscheidend mit, wer ÖVP-Chef wird, Ex-ORF-Chefin Monika Lindner kam aus diesem Stall, wer in die Chefetage des Kurier einzieht, wird selbstverständlich auch von den Bauernbankern bestimmt. profil-Herausgeber kann auch nur werden, wer das Placet von Raiffeisen-Boss Konrad hat.

Christian Konrad ©Raiffeisenlandesbank
Niederösterreich-Wien AG
Angedockt, aber auch unabhängig von den traditionellen Netzwerken, entstehen mehr und mehr auch Machtmaschen einflussreicher BeraterInnen, WerberInnen und ConsulterInnen, die de facto Lobbying betreiben und sich selbst wichtig machen.
Während die klassischen Netzwerker ihre unbezweifelte Macht für ihre Interessen einsetzen, müssen diese LobbyistInnen nämlich immer erst ihren Einfluss grell herausstreichen, um ihn für ihre Interessen auszunützen. Deshalb drängen diese sich auch gerne an die Öffentlichkeit. Notorisches Beispiel ist hierfür der sogenannte Kommunikationsexperte Wolfgang Rosam. Leute wie Rosam sind Symptome für einen leisen Strukturwandel des Netzwerkwesens.
Grundsätzlich funktioniert das konservative Netzwerken so: Das Wort mächtiger Wirtschaftslenker zählt viel, sehr viel, und zwar auf jeder politischen Ebene, zudem werden parteinahe ConsulterInnen, WissenschaftlerInnen und MultiplikatorInnen gehätschelt und mit viel Geld überhäuft.

Claus J. Raidl ©voestalpine AG
Schwaches SPÖ-Netzwerk
Sozialdemokratisches Networking ist aus einer Reihe von Gründen deutlich uneffektiver: Auf wichtige MeinungsbildnerInnen hat dieses Lager praktisch keinen direkten Zugriff. Kritische linksliberale Köpfe kritisieren mit Freude „ihre eigenen Leute“, schon um sich als „Unabhängige“ zu positionieren. Der Kreis ökonomisch Mächtiger im Umfeld der SPÖ ist überschaubar: Brigitte Ederer als Siemens-Chefin, Hannes Androsch, Notenbank-Präsident Ewald Nowotny. Die Verstaatlichte Industrie existiert praktisch nicht mehr, in ihren Resten hat die schwarz-blaue Koalition in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends ihre KonfidentInnen untergebracht. Allenfalls über die Firmengeflechte der Stadt Wien kann die Sozialdemokratie noch politische mit wirtschaftlicher Macht kombinieren. Aber hier kann man kaum von Einfluss wirtschaftlich Mächtiger reden, da die jeweiligen Firmenchefs letztlich nur über geliehene ökonomische Macht verfügen: Meist sind sie ParteigängerInnen, die in der Politik nichts geworden sind.

Christoph Leitl ©WKÖ
Was in den verschiedenen Netzwerken angestrebt wird, ist oft gar nicht so leicht zu sagen.
Klar, man betreibt Lobbyismus für vorteilhafte Gesetzgebung, um Posten und um öffentliche Aufträge. Man will sich für Notfälle absichern und verpflichtet sich gegenseitig. CEO X sitzt bei Y im Aufsichtsrat und vice versa. In Subnetzwerken, wie etwa in den eher linksliberalen Netzwerken der KünstlerInnen und „Kulturkreativen“ geht es beispielsweise um Subventionen oder kleine Aufträge. In Netzen politischer Subkultur versucht man am ehesten über Vernetzung Aufmerksamkeit zu generieren.

Monika Lindner ©EPAMEDIA International
Wer mehr Leute kennt als die meisten, den umgibt automatisch eine Aura der Wichtigkeit, die sich dann übersetzen lässt. In das, was man mit einem schönen Wort die „geldwerten Vorteile“ nennt.
Topic: MO16
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